Rückschau auf die Nullerjahre.
Was war ich früher für ein Freund der Listen und Rankings zum Jahresende. Was hab ich mir da Gedanken gemacht oder stundenlang Musikkassetten überspielt um meinen persönlichen Jahresmix zusammenzustellen. All das hat man mir vermiest, damit, dass diese Rückblickerei schon im November ihren jährlichen Höhepunkt erreicht. Oder ist diese Erklärung nicht zu einfach gestrickt? Ist es nicht einfach so, dass mir die Schnelllebigkeit keinen Raum mehr dazu lässt?
Blicke ich jetzt nicht nur ein Jahr zurück, sondern eine komplette Dekade, auf die sogenannten Nullerjahre, dann erschrecke ich fast ein wenig. Diese zehn Jahre brachten für mich soviel Veränderung mit wie kein Jahrzehnt zuvor (und vermutlich auch keines der folgenden).
Es begann damit, dass ich mich in den ersten Monaten des Jahres 2000 endgültig exmatrikuliert habe, aus der Einsicht heraus, dass es nicht sinnvoll ist, einen Alibi-Studentenausweis zu besitzen wenn man schon zwei Jahre in keiner Vorlesung mehr war. Ich wohnte übergangsweise, so dachte ich damals, in einem 1-Zimmer Appartment, fuhr einen grünen VW Polo mit 45 PS, arbeitete als wissenschaftlicher Angestellter und verdiente dabei 1903,50 DM im Monat. Mein TV-Gerät von damals, ein Sony Trinitron TV mit 51 cm Bildschirmdiagonale konnte einzig mit dem Attribut “Color” aufwarten. Er war noch Mono, hatte aber immerhin einen SCART-Anschluss, welcher mit einem VHS-Videorekorder verbunden war. Es war noch die Hochzeit des Analogen, obwohl ich natürlich schon fleißig CDs konsumierte und die Anschaffung des ersten DVD-Players nicht mehr fern war. Mein Computer war ein Intel Pentium, mit Windows 98 als Betriebssystem. Ins Internet kam ich auch schon, aber dazu musste ich mich über das analoge Telefon via Modem einwählen, und erzielte eine theoretisch maimale Übertragungsgeschwindigkeit von 56 kB/s. Und mobil telefonierte ich mit einem Siemens S45. Erstaunlich, im Gegensatz zu den Jahren 1990 - 1999, hat kein einziges elektronisches Gerät in meinem Besitz die Zeitspanne 2000 - 2009 aktiv überlebt.
Zehn Jahre in denen sich nahezu alle technischen Möglichkeiten ausdehnten und verbesserten wie ein außer Kontrolle geratener Tumor. Ob gutartig oder bösartig mag ich gar nicht zu urteilen. Aber auch die persönlichen Lebensumstände haben sich extrem verbessert. Spaßeshalber habe ich geguckt, um wieviel Prozent meine Wohnung größer geworden ist, mein Einkommen gewachsen ist, etc. und dies von den Nullerjahren auf die nächsten zehn Jahre exptrapoliert. Da brauche ich dann kein Pessimist zu sein, wenn ich dabei feststellen muss, dass dieses Jahrzehnt an Wachstum für mich wohl nicht zu überbieten sein wird. Es waren also vemutlich meine besten Jahre, wenn man sie in zehner Häppchen vergleichen wird, und wenn man sich nüchtern ansieht was unterm Strich übrigblieb.
Da ich nicht viel von den ökonomischen Betrachtungsweisen halte, kann ich mir vorstellen, dass ich mal in einer persönlichen Nachschau zu einem anderen Ergebnis komme. Ich für mich hatte in diesem Zeitraum lange Zeiten des Alleinseins, die mich sehr geprägt haben. Alles in allem habe ich aber den Frieden mit diesem Jahrzehnt gefunden, mit der für mich wichtigsten Erkenntnis, dass Glück kein Zustand ist, den man erreichen kann, sondern das man Glück immer nur kurz greifen kann und man es unweigerlich wieder loslassen muss, um dann die Suche danach von Neuem zu beginnen.
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